MVP statt BDUF: Dazulernen statt finalisieren.

MVP statt BDUF: Dazulernen statt finalisieren.

Mal ehrlich: Wer traut sich, seine Kunden in frühe Entwicklungsstufen einzubeziehen? Einen Paper Protoype oder ein roughes Scribble in einer großen Runde mit dem kompletten Agentur- und Kunden-Team zu besprechen? Und am nächsten Tag mit Konsumenten zu testen?
Agenturen neigen dazu, Unangreifbares zu präsentieren. Die Strategie: Wasserdicht. Das Design: vom Feinsten. Die Texte: zum Niederknien. Fehlt nur noch das Häkchen.
Software-Entwickler nennen das Big Design Up Front. BDUF. Also erst das perfekte Design finalisieren, dann die technische Umsetzung. Hat den Vorteil, dass das Design eine Freigabe bekommt. Hat den Nachteil, dass sich jede Undurchdachtheit massiv rächt.
Der Weg zu BDUF: Lang und steinig. Intern werden Schleifen ohne Ende gedreht, fertige Kreativprodukte ausgesiebt und in den Mülleimer geworfen. Das frisst Ressourcen (die der Kunde nicht bezahlt), verschleißt die Leute und bringt keine Erfolgsgarantie, weil zuviel Bauchgefühl drinsteckt.

Der Ausweg: Minimum Viable Product (MVP).

Vorweg: Minimium Viable Product ist ein Ausdruck von Frank Robinson, ihn bekannt gemacht hat Eric Ries, und das schon 2009 (bzw. 2011 im Buch „Lean Startup“) bzw. auch viel dazu im 2013er Buch „Lean UX“ von Jeff Gotthelf mit Josh Seiden. Also ein alter Hut. Bedenklich für Kreativdienstleister: Erstmals sind Kunden (= Startups) schlauer / weiter als Agenturen.

Arbeiten mit Minimum Viable Products ist der Gegenentwurf: Sich auf eine minimale (und trotzdem vernünftige) Lösung für den Kern der Herausforderung konzentrieren. Mit ggf. roughen Umsetzungen (z.B. Scribble, Paper Prototype, Clickdummy) so schnell wie möglich in den Test (oder Live) gehen und seine Annahmen überprüfen. Akzeptieren, dass das Design noch nicht perfekt ist. Dass nicht alles durchdacht ist. Aber dafür das Produkt jede Woche weiterentwickeln. Aus den Testergebnissen lernen. Das Produkt verfeinern und verbessern. Nicht für die Tonne arbeiten, sondern für den zukünftigen Erfolg. Und dran denken: Sokrates hatte damals auch nicht unrecht mit „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“

Beispiel: Produkt-Launch.

Ein Unternehmen entscheidet sich, einen neuen Service zu starten, den man übers Internet buchen kann.
Traditionellerweise nimmt man sich ein paar Wochen Zeit, um die komplette Website dafür zu bauen, Kampagnen zu entwickeln und alles bis ins Detail durchzuplanen und abzusegnen. Das volle Paket (im Bild oben links).
Mit einem agilen Ansatz und MVPs geht man ein bisschen demütiger an die Sache dran: Wer kann mit Bestimmtheit sagen, dass das Produkt in dieser Form überhaupt eine gute Idee ist? Das lässt man besser die Konsumenten entscheiden. Und launcht nur eine Landing Page mit Sign-up-Funktion (im Bild oben rechts). Wenn’s die Leute interessiert, werden sie sich registrieren. Wenn nicht: Lieber übers Produkt nachdenken.